Gemeinsamer Jahresempfang der Bezirksstelle der Diakonie Bayern in Rosenheim und des Evangelisch-Lutherischen Dekanats Rosenheim am 17.09.2026

Dr. Andreas Dexheimer, Militärdekan Jochen Bernhard, Dekanin Dagmar Häfner-Becker und Prof. Dr. Christian Albrecht (v.l.n.r)
Bildrechte Lena Erhard (Diakonie Rosenheim)

Moderiert wurde die Gesprächsrunde von Dekanin Dagmar Häfner-Becker und Dr. Andreas Dexheimer, Vorstand und Sprecher der Geschäftsleitung der Diakonie Rosenheim. Auch Landrat Otto Lederer griff das Thema in seinem Grußwort auf. Vieles von dem, was die Gesellschaft zusammenhalte, geschehe in Vereinen, Kirchen, sozialen Einrichtungen, bei Feuerwehren und Hilfsorganisationen sowie im persönlichen Umfeld. Dieses Engagement könne der Staat weder verordnen noch ersetzen. Zugleich plädierte Lederer dafür, neben der Förderung freiwilligen Engagements auch die Frage nach Pflichten gegenüber dem Gemeinwesen zu diskutieren.

Dr. Andreas Dexheimer, Dekanin Dagmar Häfner-Becker und Landrat Otto Lederer (v.l.n.r)
Bildrechte Lena Erhard (Diakonie Rosenheim)

Selbstwirksamkeit und Sinn statt Pflichtappelle

Verantwortungsbereitschaft entsteht nicht allein dadurch, dass Staat oder Gesellschaft etwas vom Einzelnen erwarten. Prof. Dr. Christian Albrecht, Professor für Praktische Theologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, plädierte vielmehr dafür, Menschen früh die Erfahrung zu ermöglichen, selbst etwas bewirken zu können. Bereits in Kindergarten und Schule könnten dafür wichtige Voraussetzungen geschaffen werden. Neben dieser Erfah-rung von Selbstwirksamkeit spiele auch die Frage eine Rolle, ob Menschen ihr Engagement als sinnvoll erleben.
Dabei gehe es nicht nur darum, junge Menschen zu fragen, was sie für die Gesellschaft tun können. Entscheidend sei vielmehr, dass sie selbst eine Vorstellung davon entwickeln, wie sie sich einbringen wollen. „Wir müssen den Menschen nicht nur fragen: Was kannst du tun? Sondern vielmehr: Wer willst du eigentlich sein?“, sagte Albrecht.
Pfarrer Jochen Bernhard, Militärdekan am Evangelischen Militärpfarramt Neubiberg und an der Universität der Bundeswehr München, näherte sich der Frage aus einer anderen Perspektive. „Verantwortung heißt für mich, aufeinander bezogen zu bleiben, einander wahrzunehmen und daraus dann auch die Konsequenzen abzuleiten“, sagte Bernhard. Zugleich verwies er auf veränderte Formen des Engagements: Langfristige ehrenamtliche Bindungen würden seltener, während projektbezogenes Engagement an Bedeutung gewinnen könne.

Wehrpflicht und Gesellschaftsjahr nicht vermischen

Kritisch betrachteten die Gesprächsteilnehmer eine Vermischung der Debatten über Wehrpflicht und Gesellschaftsjahr mit dem aktuellen Bedarf an Personal. Bernhard sprach sich dafür aus, beide Fragen inhaltlich voneinander zu trennen.
Albrecht hinterfragte, was die gegenwärtige Diskussion eigentlich antreibt: „Wenn man ein Stück weit ehrlich ist, dann führen wir diese Diskussion ja heute unter dem Aspekt, dass Personal fehlt – das Personal in der Bundeswehr fehlt, dass es im sozialen Bereich Lücken gibt.“ Er stellte deshalb die Frage, ob es nicht ein „Etikettenschwindel“ sei, die Debatte nachträglich mit Begriffen wie Sinnhaftigkeit und gesellschaftlichem Engagement zu versehen.

Räume für gesellschaftlichen Austausch schaffen

„Verantwortung fürs Gemeinwesen ist unverzichtbar, aber sie darf nicht einseitig per Pflicht auf junge Menschen abgewälzt werden“, sagte Dexheimer. Wer über eine Dienstpflicht spreche, müsse sagen, wofür genau und warum sie gerecht sei. „Und wir müssen auch über generationengerechte Verantwortung im gesamten Lebenslauf reden. Aus diakonischer Sicht gilt: Engagement stärken ja, aber keinen Pflichtdienst als Reparaturbetrieb für Lücken im So-zialstaat.“
Albrecht und Bernhard betonten zudem die Bedeutung von Orten, an denen unterschiedliche gesellschaftliche Positionen miteinander im Gespräch bleiben können. Häfner-Becker griff diesen Gedanken aus kirchlicher Perspektive auf: „Aus christlicher Perspektive gilt es, sich für Frieden zu engagieren. Das geht nicht über Abgrenzung. Vielmehr gilt es, sich gegenseitig zuzuhören, andere Meinungen zuzulassen und nicht pauschal zu urteilen oder zu verurteilen.“ Dies werde in den christlichen Kirchen seit jeher eingeübt. „Dafür braucht es Räume in Form von Gebäuden und in Form der Freiheit der Gedanken.“
Nach der Podiumsdiskussion bot der gemeinsame Jahresempfang der Bezirksstelle der Diakonie Bayern in Rosenheim und des Evangelisch-Lutherischen Dekanats Rosenheim bei Essen und Getränken Raum, bestehende Kontakte zu vertiefen, neue zu knüpfen und den Austausch fortzusetzen.